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Freie Medienakademie XXXVI
by Michael Meyen on 2026-07-18 10:00

Tobi, ein Junge aus der Nachbarschaft, ist 16 und hat gerade die Hauptschule geschafft. Ganz gut, sagt er. Lauter Dreier, nur in Mathe ein Fünfer. Wer braucht schon Mathe? Im September geht es in die große Stadt, als Lehrling, um irgendwann zurückkommen zu können in den Betrieb von Vater und Mutter.

Warum ich das hier erzähle? Tobi ist ein TikTok-Kind. Sein Weltwissen holt er sich am Bildschirm. Keine Sonnencreme, sagt er. Ist Chemie und damit schädlich. Lieber im Schatten bleiben. Er weiß, wie er heizen und lüften wird weit weg von zu Hause. Vor allem aber weiß er, welche Filme, Serien und Musiker er sehen muss und warum die Videos so sind, wie sie sind. Mit Tobi kann man über Tarantino reden, über Dramaturgie und über Masayoshi Takanaka, einen japanischen Musiker, der eigentlich viel zu alt für ihn ist. Zum Abschluss hat er sich von seinen Eltern zwei Bücher gewünscht – „Das Schlimmste kommt noch“ von Charles Bukowski und eins von Haruki Murakami. Ein 16-Jähriger, wie gesagt, in der Schule eher mäßig und in einem Umfeld ohne Theater oder Lesezirkel mit Kaffee. Hat mir ein TikToker empfohlen, sagt er. Es geht da um Künstler, die es schaffen, irgendwie.

Noch einmal: Warum erzähle ich das? Die Politik diskutiert seit Monaten, Plattformen wie TikTok für junge Menschen zu schließen. In Großbritannien geht es inzwischen sogar schon um „Ausgangssperren“ zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens und um Pflichtpausen, ähnlich wie bei Fernfahrern. Ausweiskontrollen und das Ende der Anonymität im Netz: Das ist ein Ziel, sicher. Mindestens genauso wichtig dürfte aber sein, Mädchen und Jungs wie Tobi die Chance zu nehmen, über ihre Eltern und ihre Lehrer hinauszuwachsen und Kontakt aufzunehmen zu dem, was für sie sonst oft unerreichbar wäre. „Wir wollen die Lufthoheit über den Kinderbetten erobern“ (Olaf Scholz, 2002): Dafür genügt es nicht, die Familie zu attackieren, die Schule umzukrempeln und die Universitäten zu unterwerfen. Dafür muss auch das Netz mit Verbotsschildern übersät werden.


Texte
Ökonomische Ohnmacht. Bastian Werner hat den Reichtumsbericht der Boston Consulting Group gelesen und fragt: Wie soll das mit der Demokratie gehen, wenn es im Land 5.000 Superreiche gibt – Menschen mit mehr als 100 Millionen Dollar Vermögen?

Vergeblichkeit. Hans der Kleingärtner hat eine andere Frage: Warum tun wir, was wir tun, obwohl wir wissen, dass die anderen gewinnen? „Was ein Text“, schrieb jemand auf X und ergänzte: immer wieder lesen, immer wieder verstehen.

Von Macht und machen. Ursula Macht ist eine Antwort auf die Frage des Kleingärtners: Jahrgang 1954, in der DDR Kranfahrerin und promoviert, dann Zeitzeugin des Raubzugs nach 1990 und heute Hüterin eines Hofs in der Uckermark. Interview von Simone Köhler.

Mut zum Widerspruch. Zwischendurch etwas Werbung – hier für mein Gespräch mit Beate Bahner. Wenn Sie diesen Newsletter regelmäßig lesen, müssen Sie nicht klicken. Bilder und Impressionen aus Heidelberg kennen Sie schon.

Wende, Witze, Wunder. Auch am Buch-Tresen geht es um Werbung. Antje Meyen empfiehlt „Land der Wunder“ von Michael Klonovsky – einen Roman über Deutsch-Deutsches, über den Journalismus und vor allem: ein großer Spaß.

Ein Stück Aufarbeitung. Noch ein Buch über den Journalismus. Volker Rekittke, bis 2024 Lokalreporter im Tübingen von Boris Palmer, hat aufgeschrieben, wie das mit Corona in seiner Redaktion gelaufen ist. Helge Buttkereit sagt: ein Stück Mediengeschichte,

Waldgespräche 2026. Zum Schluss wieder Werbung. Die Sommerpause kommt näher. Wenn Sie uns live erleben wollen: bitte anmelden (Link im Text). 3. September: Gerd Reuther, 4. September: Robert Stein, 5. September: Friedrich Pürner.


Videos
Eigentlich wollten wir auch Beate Bahner zu einem Waldgespräch im Raum Regensburg begrüßen, aber der Kalender hat nicht mitgespielt. Also sind wir nach Heidelberg gefahren. Titel des Interviews: „Was passiert, wenn man widerspricht?


Kurse
Der Bewerbungsschluss für die Herbstkurse ist abgelaufen. Wenn Sie trotzdem Interesse haben sollten: Versuchen Sie es mit einem Motivationsschreiben. Alle Termine:

24. bis 27. September 2026: Interview (Gast: Jürgen Fliege)

8. bis 11. Oktober 2026: Journalismus-Retreat

10. bis 14. März 2027: Kompaktkurs Journalismus

8. bis 11. April 2027: Intellektuelle Selbstverteidigung

Außerdem jederzeit (wochentags, Anfragen per Mail): Still bleiben, dagegenhalten, weglaufen? Wie wir im Gespräch bleiben.

Sonstiges
Ich habe ja schon berichtet, dass Beate Bahner unseren Besuch für einen Workshop zum Thema Impfen genutzt hat. Mit dabei war Stef Manzini von der Stattzeitung. Und Stef wäre keine Journalistin ohne Kamera und Mikrofon. Ein 6-Minuten-Interview zum Demokratiekongress der AfD.  

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