Freie Medienakademie XXXVII
by Michael Meyen on 2026-07-24 08:44
Lohnt sich „Die Odyssee“? Die Zuschauer sagen ja (Ticketrekorde am Startwochenende), während die Filmkritik unentschieden ist. Albern die Debatten über die schwarze Helena im Vorfeld, schreiben die Leitmedien, und vielleicht auch die Debatten um historische Genauigkeit. Wie soll das gehen bei diesem Stoff? Man lobt Matt Damon und die Technik (70 Millimeter und keine Animation), setzt Links zu „Oppenheimer“ und anderen Nolan-Filmen und macht aus den 173 Minuten, wie zum Beispiel der Spiegel, „ein obsessiv auf die Hauptfigur fixiertes Männerdrama“, in dem angeblich „nur die Frauen imstande sind, dem Helden und den Kinozuschauern in Überlebensfragen auf die Sprünge zu helfen“.
Wahrscheinlich muss das so sein. Mit Kulturwissen protzen, ein wenig Ideologie einstreuen und so am Kern vorbeischreiben. „Die Odyssee“ handelt von der Hybris des Westens, wie Wolfgang M. Schmitt in seinem Kanal Filmanalyse ziemlich zum Schluss eher nebenbei sagt. Dieser Westen (die Griechen), angeführt von den USA (Agamemnon), nutzt die Moral (die schöne Helena), um Macht- und Geopolitik zu verschleiern (Troja unterwerfen und damit Märkte und Handelswege kontrollieren) und Mord und Totschlag zu rechtfertigen (nicht nur in Troja selbst, sondern auch auf dem Rückweg). „Die Odyssee“ zeigt, warum die Verbündeten nicht ausscheren können und was das mit den Menschen macht – nicht nur mit denen, die ausgezogen sind, sondern auch mit denen daheim, die narkotisiert werden sollen mit Heldenliedern und doch ahnen, dass es nie mehr so sein wird wie vorher und dass sie nun vergeblich das „Gesetz des Zeus“ anrufen, das verlangt, jeden anderen so zu behandeln, als sei er ein Gott in Menschengestalt.
All das gibt es in diesem Film ziemlich wortwörtlich, ausgesprochen von Jon Bernthal, der den Menelaos spielt, oder von Matt Damon, der keine Frau braucht, um verstehen zu können, dass der Zyklop und all das Grauen, das ihm auf seiner Reise begegnet, von ihm selbst heraufbeschworen wurde an dem Tag, an dem er nicht nein sagen konnte zum Krieg. Lohnt sich „Die Odyssee“? Auch sonst unbedingt. Grandios erzählt, toll besetzt. Wer Cillian Murphy vermisst, sonst oft Teil der Nolan-Mannschaft („Inception“, „Dunkirk“, die Batman-Trilogie, „Oppenheimer“) und es eher kürzer und ruhiger mag: „Kleine Dinge wie diese“ (2024) liefert genau das, was der Titel verspricht. Ein Film über harte Arbeit, Familie und das Überleben, der langsam und vorsichtig Machtstrukturen und Geschichte freilegt und damit gar nicht so weit weg ist von Odysseus.
Texte
Ein sturer alter Pazifist. Wir bleiben bei der Kunst und beim Thema Krieg. Brit Gdanietz hat Hans-Eckardt Wenzel auf der Bühne gesehen und übernimmt gleich seinen Konzerttitel: „Es ist die Zeit der Irren und Idioten“.
Heimat 2.0? Ein Klassentreffen ist mehr als Zeus. Nostalgie, Identität, Zusammenhalt. Trotzdem fragen viele, ob sie sich das antun sollen mit Corona, Krieg und Frieden. Christiane Müller hat es gewagt und aufgeschrieben, wie es ihr dabei gegangen ist.
Ausgeträumt. Bastian Werner schaut in Agamemnons Heimat, wenn man so will, und fragt, warum der Tellerwäscher-Mythos weiterlebt, obwohl objektiv jeder Aufstieg verbaut ist. In seiner Antwort geht es auch um Medien und unseren Alltag.
Sparen bei den Ärmsten. Gleicher Autor, ähnliches Thema, anderer Schauplatz. Familienministerin Prien will bei Kindern kürzen, die ohnehin nichts haben. Ein Kommentar.
AfD versus GEZ und ARD. Text zum Video (siehe unten). Was wird aus dem Rundfunkbeitrag, wenn Ulrich Siegmund am 6. September in Sachsen-Anhalt gewinnt? Spoiler: ein Haushaltsposten.
Das Abartige sind wir. Noch einmal zurück zu unseren Dämonen. Epstein, sagt Daniel Sandmann am Medien-Tresen mit Frank Höfer (Nuoviso), ist mehr als Kinder, Sex und Moral. Bei Epstein geht es um die Obsession, ewig zu leben.
Waldgespräche 2026. Zum Schluss Werbung. Die Sommerpause kommt näher. Wenn Sie uns live erleben wollen: bitte anmelden. 3. September: Gerd Reuther, 4. September: Robert Stein, 5. September: Friedrich Pürner.
Videos
ARD und Co. werden nervös – und die Medienpolitik ist es längst. In meinem Video zum Rundfunkbeitrag geht es auch um Ulrich Siegmund und die Wahl in Sachsen-Anhalt, vor allem aber um den Zug in Richtung Staatsfunk, der im Hintergrund längst fährt – zu sehen zum Beispiel im Juni in Karlsruhe und in der Berichterstattung rund um die öffentliche Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht.
Kurse
Der Bewerbungsschluss für die Herbstkurse ist abgelaufen. Wenn Sie trotzdem Interesse haben sollten: Versuchen Sie es mit einem Motivationsschreiben. Alle Termine:
24. bis 27. September 2026: Interview (Gast: Jürgen Fliege)
8. bis 11. Oktober 2026: Journalismus-Retreat
10. bis 14. März 2027: Kompaktkurs Journalismus
8. bis 11. April 2027: Intellektuelle Selbstverteidigung
Außerdem jederzeit (wochentags, Anfragen per Mail): Still bleiben, dagegenhalten, weglaufen? Wie wir im Gespräch bleiben.
Sonstiges
Ich bin jetzt Komiteemitglied beim Bündnis Redefreiheit. Und: Das Gespräch, das Mike Wyniger mit mir vor knapp zwei Jahren für seinen Film „Der Hype)“ geführt hat, ist seit heute (fast) komplett online.
Links