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Fülle & Nichts: David Steindl-Rast ist 100
by M.A. Karjalainen on 2026-07-27 13:24

Es war Mitte oder Ende der 1980er-Jahre als mir ein angeheirateter Onkel mütterlicherseits, der mich, als ich 14 war, auch als Firmpate begleitet hatte, bei einem Besuch in seinem Wochenendhaus in Niederösterreich David Steindl-Rasts in der deutschen Übersetzung mit „Fülle und Nichts – Die Wiedergeburt christlicher Mystik“ betiteltes Werk aus 1984 „Gratefulness – The Heart of Prayer“ überreichte und sich auf einen späteren Austausch dazu freute.

Der Autor war damals in seinen 60ern, so wie ich es heute bin. Er war mir damals wie heute um 40 Jahre voraus und hatte seinen Zugang zu einem ganzheitlichen Christentum gefunden, der auch mich seither nicht mehr losgelassen hat. Am 12.Juli dieses Jahres ist Steindl-Rast nun 100 geworden, wozu ich ihm an dieser Stelle auch herzlich gratulieren will. Aus diesem Anlass ist sogar ein weiteres Buch mit dem Titel „Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten“ erschienen, das er gemeinsam mit dem 1967 geborenen Wirtschaftswissenschafter Mario E. Quintana, einem argentinischen Freund verfasst hat, der auch als Aktivist in sozialen und ökologischen Fragen gilt. Aber dazu später mehr.

Zunächst möchte ich noch auf meine Geschichte mit Bruder David, dem österreichisch-amerikanischen Benediktinermönch eingehen, der vor allem das katholische Christentum mit seiner Perspektive so weit geöffnet hat, dass es die engen Mauern der kirchlichen Lehre und Praxis tatsächlich gesprengt hat.

Wie der Untertitel der deutschen Übersetzung seines ersten Werkes aus 1984 schon klar macht, geht es ihm nicht um einen dogmatischen, sondern vielmehr um einen spirituellen, mythischen Ansatz des Glaubens. Aufgrund seiner persönlichen Reisen in verschiedene Länder und Kulturen ist er auch den verschiedensten religiösen Sichtweisen auf Leben und Wirklichkeit begegnet und hat damit nicht nur für sich den interreligiösen Dialog angestoßen und zeitlebens verwirklicht. Besonders seine Erfahrungen mit dem Buddhismus, der ja völlig ohne Gott und Götter auskommt und vom Ziel der Erleuchtung und dem Aufgehen im Nichts, dem Nirwana, geprägt ist, haben seinen christlichen Blickwinkel bereichert und enorm vertieft. So musste er zwangsweise bei den christlichen Mystikern der Vergangenheit landen und sich mit ihren direkten Gotteserfahrungen beschäftigen. Dabei wurde Dankbarkeit zur wesentlichen Essenz eines gelingenden Lebens. Diese, so Steindl-Rast, ist die Voraussetzung für das Glück. Damit widerspricht er fundamental einer gerade unserer Zeit innewohnenden ständigen Glückssuche, die als Reaktion erst im Idealfall zu Dank führt. Für ihn ist der umgekehrte Weg der stimmigere. Dies bewegte ihn auch das Netzwerk Dankbar leben zu initiieren.

Auf meinem Weg in der katholischen Kirche, der ich mich nach einer mehrjährigen Pause aufgrund meiner Töchter, die einen katholischen Kindergarten besuchten, wieder annäherte, begleitete mich David Steindl-Rast vor allem mit seinen Büchern und seinen Audios bzw. Videos beständig. In einem großen Lebensumbruch, bei dem kein Stein mehr auf dem anderen blieb, entschied ich mich, meinen Kindheitsglauben, der mich mehr eingeengt als belebt hatte, zu überprüfen und dem mir vor allem von meiner Mutter als streng und beobachtend vermittelten Gott eine zweite Chance zu geben, in dem ich mich einem zehnsemestrigen Studium der Religionspädagogik widmete, um noch während der Ausbildung als Religionslehrer in Wiener Pflichtschulen, vor allem im Volksschulbereich, zu wirken. Ich hatte glücklicherweise gute Lehrer, die mir eine neue Welt des christlichen Glaubens öffneten und mich weiter auf den Weg in die Weite von über das Christentum hinausgehender Spiritualität brachten. Was in der Schule zumindest ansatzweise gelang, wollte ich auch in der Kirche verwirklichen und so wurde ich zum Begräbnisleiter und machte mich auf den Weg in die Ausbildung zum Diakon, aus der ich aufgrund privater und persönlicher Turbulenzen glücklicherweise suspendiert wurde. Die katholische Kirche war damit Geschichte, die Spiritualität und David Steindl-Rast blieben. Zuletzt fiel mir eine wunderbare von ihm kommentierte Übersetzung des Daodejing mit dem Titel „Der Fließweg“ zu. In Zusammenarbeit mit Balts Nille, der das Werk des Laozi 2020 ins Bernerdeutsch übertragen hatte, wagte er sich auf dieser Basis auf eine weitere Übertragung ins Schriftdeutsche, die ich als sehr gelungen ansehe.

So ist es mir ein Anliegen, auch dem aktuellen Werk dieses Lebensbegleiters einige Wort zu widmen. „Worauf es letztlich ankommt“ verweist schon im Untertitel auf die Gestaltung des Textes, der formal und zum Teil auch inhaltlich Parallelen zu einem Katechismus aufweist. Das hat es für mich tatsächlich erschwert, mich dem Buch vorbehaltlos zu widmen. So habe ich in einem ersten Schritt einmal die Antworten auf für mich interessante Fragen zu überprüfen versucht und bin zum Großteil freudig überrascht gewesen. Nicht alle Antworten stimmen mit meiner Sichtweise überein, was ja auch nicht die Voraussetzung ist, und sie zeigen, dass auch Bruder David durchaus zu mir unterschiedliche Ansätze verfolgt.

Um zwei Beispiele zu geben:
Die Frage nach dem gerechten Krieg wird mit einem klaren Nein beantwortet, so wie ich das auch tue. Dabei wird sogar zum persönlichen Engagement für ein weltweites Verbot von Waffenfabriken aufgerufen, ebenso dazu, Aufrüstung zu brandmarken und auf Verhandlungen zur Verhinderung von Kriegen zu setzen.

Bei der Antwort im Hinblick auf die jungfräuliche Geburt von Jesus wird auf die mythisch-dichterische Perspektive verwiesen, die wir nicht wörtlich nehmen dürfen. Das ist im Sinne der katholischen Kirche eine durchaus gewagte Antwort, die aber die Weite des Geistes von Steindl-Rast dokumentiert.

Auf den 184 Seiten des Buches findet man weitere Antworten u.a. zu den Themen Religion & Religiosität, Mystik, Gott und Jesus Christus, der Entwicklung des Christentums, neuen Formen der Spiritualität, der Bedeutung von Ritualen sowie zu Bösem, Leid und Tod.

In Summe lohnt sich das Eintauchen in diese Fragen, die ja nicht chronologisch abzuarbeiten sind, um die eine oder andere Inspiration zu finden. Regt sich da und dort Widerstand oder sogar Widerspruch – wie auch bei mir – so ist das ein durchaus gewollter Effekt, sich mit diesem Thema (nochmals) auseinander zu setzen. Auch David Steindl-Rast würde sich, wie ich ihn kennen gelernt habe, im direkten Gespräch durchaus über den einen oder anderen Impuls freuen, der auch ihm einen weiteren Horizont eröffnet. Das ist die Größe eines Mannes, der nun schon ein Jahrhundert unter uns weilt, und das macht ihn so wichtig für unsere Welt.

Bildrechte:
Verena Kessler, Public domain, via Wikimedia Commons, 2004